Saturday, 17 October 202619:00 to 01:00Theater Dortmund · Kokerei Hansa (Salzlager)
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von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik) • unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann; Die Dreigroschenoper ist keine nostalgische Operette, sondern Elisabeth Hauptmanns, Bertolt Brechts und Kurt Weills Frontalangriff auf die sogenannte bürgerliche Moral. Unter der Regie von Julia Wissert und der musikalischen Leitung von Yotam Schlezinger wird dieser zeitlose Klassiker in Dortmund zu einer sinnlich-akustischen Konfrontation an einem einzigartigen Ort: im Salzlager auf der Kokerei Hansa. Im Zentrum steht der berüchtigte Ganove Macheath, Mackie Messer, und seine Verstrickung in die korrupte Unterwelt Londons. Kurz vor den Krönungsfeierlichkeiten heiratet er heimlich Polly Peachum – gegen den Willen ihres Vaters. Peachum, als Bettlerkönig Profiteur organisierter Armut, erkennt in Mackie keine moralische, sondern eine ökonomische Bedrohung: Ein Machtkampf beginnt. Intrigen, Bestechung, Verrat und Mord sind dabei keine Ausnahmen, sondern Mittel der Ordnung – und Mackie entzieht sich immer wieder, gestützt von alten Verbindungen und zweifelhaften Loyalitäten. Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Die Dreigroschenoper ist nicht als Gangsterromanze gebaut. Sie lädt uns nicht zur Identifikation ein. Wir sollen im Gedächtnis behalten, dass alle Figuren falsch sind – heuchlerisch, opportunistisch, permanent mit dem Vorspielen beschäftigt. Es gibt keine moralischen Zufluchtsorte. Nicht einmal die Bettler*innen sind „echte“ Arme, sondern Teil eines kalkulierten Geschäftsmodells: Sie sind, wie der Regisseur der Uraufführung Erich Engel festhielt, Menschen, die sich mit betrügerischen Mitteln durchs Leben schwindeln. Wo hört das Geschäft auf – und wo fängt das Verbrechen an?Diese Frage strukturiert das ganze Stück. Sie zielt nicht auf eine platte Kapitalismuskritik, nicht auf das einfache „Geld ist böse“, sondern auf jene bürgerliche Moral, die sich als Anstand tarnt und darin nichts anderes tut, als Interessen zu verwalten. Brecht und Hauptmann konfrontieren sie mit der eigenen Form: Glanz, Nummer, Ohrwurm, theatrale Größe – all das wird nicht zur Verklärung eingesetzt, sondern als Oberfläche, die sich selbst verrät. Kurt Weills Musik bleibt rau, direkt und widerständig – Kabarett und Jazz als Intervention, nicht als Dekor. Die Moritat von Mackie Messer zählt Verbrechen beinahe beiläufig auf: Und der Haifisch, der hat Zähne … Gerade die eingängige Melodie erzeugt Distanz: Die Musik widerspricht dem Inhalt – und macht ihn dadurch erst kenntlich. Und wenn die Diagnose fällt Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, dann ist das keine Entschuldigung, sondern eine Zustandsbeschreibung – eine, die bis heute nichts an Schärfe verloren hat. Im Salzlager auf der Kokerei Hansa bekommt diese Konfrontation eine zweite Ebene. Der Ort ist nicht Kulisse, sondern Resonanzraum. Seine Geschichte von harter Arbeit, Disziplin, ökonomischen Zwängen und moralischen Grenzbereichen spiegelt die sozialen Konflikte des Stücks. Backstein, Industrie, Schichtung: Hier wird unmittelbar greifbar, wie nah sich „legal“ und „legitim“ kommen können – und wie selbstverständlich Gewalt wird, wenn sie als Teil von Ordnung und Geschäft erscheint. Der Abend arbeitet bewusst mit der Oberfläche – weil sie der eigentliche Tatort ist. Die opulenten Kostüme von Lorena Díaz Stephens sind genau das Element, das diese Moral visuell entlarvt: düster funkelnd, opernhaft, irritierend schön. Glanz wird zur Maske – und als Maske sichtbar. In Spannung dazu legt die Bühne von Thilo Ulrich den Raum frei und macht ihn zur Spielfläche und zum Kommentar: Industriearchitektur als Spiegel einer Gesellschaft, die ihre Abgründe gern hinter Ordnung, Moral und Geschäft verbirgt. So entfaltet Die Dreigroschenoper im Salzlager auf der Kokerei Hansa ihre ganze Wirkung: lustvoll, ironisch, musikalisch verführerisch und analytisch präzise. Sie fordert keine Empathie, sondern Aufmerksamkeit. Und sie stellt keine tröstende Frage, sondern eine unbequeme: Welche Formen von Gewalt erkennen wir bereitwillig an – weil sie legal sind, gut organisiert erscheinen und sich hinter Ordnung, Moral und Geschäft verstecken? Bitte beachten Keine Abendkasse; Tickets sind nur im Vorverkauf an der Theaterkasse und im Webshop erhältlich. Mackie Messer Lukas Beeler Polly Peachum Rose Lohmann Jonathan J. Peachum Luis Quintana Celia Peachum Antje Prust Tiger Brown Viet Anh Alexander Tran Lucy Brown Fabienne-Deniz Hammer Spelunken-Jenny Marlene Goksch, Nika Mišković Moritatensängerin / Pastor Kimball Linda Elsner Filch / Münzmatthias / Konstabler Sarah Quarshie Hakenfingerjakob / Smith Puah Abdellaoui OrchesterKlavier und Harmonium Elisabeth WaandersAltsaxofon, Klarinette und Flöte Maximilian Shaikh-YousefTenorsaxofon, Bassklarinette und Flöte Jakob JentgensFagott, Bassklarinette oder Posaune Henning NierstenhöferTrompete Lars DäublerBass, Banjo und Gitarre Yotam SchlezingerSchlagzeug, Percussion, Multiinstrumentalist Martin Engelbach Chorleitung Linda Michels, Isabell ZehaczekChor Assiba Akoho, Eva Cantürk, Elif Demirhan, Züleyha Er, Gülizar Genç, Janina Goerhke-Sander, Nesrin Hatun, Sabah Kamcili, Beate Marschke, Candan Onsoni, Perihan Özen, Ramona Pöpping, Regina Schulz, Christof Schubert, Aliye Tepe, Sema Uzun Regie Julia Wissert Musikalische Leitung Yotam Schlezinger Bühne Thilo Ullrich Kostüme Lorena Díaz Stephens Video Tobias Hoeft Musikalische Co-Leitung, Vocal Coaching Isabelle Pabst Dramaturgie Jasco Viefhues, Cosima Schubert Künstlerische Produktionsleitung Frauke Becker, Mara Henni Klimek Theatervermittlung Sarah Jasinszczak Sprechtraining Sybille Krobs-Rotter Licht / Video Markus Fuchs Ton Robin Lockhart, Björn Netten, Gürkan Erdugan, Jörn Michutta Regieassistenz Jasmin Johann, Madita Scülfort Bühnenbildassistenz Sandra Maria Kania, Constanze Kriester Kostümassistenz Slynrya Kongyoo, Soraya Ouderhm Inspizienz Monika Gies-Hasmann, Christoph Öhl Soufflage Klara Brandi, Fiona Holl Regiehospitanz Dana Ilske Dramaturgiehospitanz Quinn Mengs; Kokerei Hansa (Salzlager) 19:00 Uhr; Kokerei Hansa (Salzlager) 19:00 Uhr; Kokerei Hansa (Salzlager) 18:00 Uhr